Insekten im Garten fördern

Ein Beitrag von Dr. Hartmut Kretschmer, Entomologe und begeisterter Naturgärtner

Das Bienensterben rückt zusehens in das Bewusstsein unserer Mitbürger. Jeder, der einen Garten hat, kann etwas dagegen tun. Naturnah gestaltete Gärten können Oasen der natürlichen Schönheit, Besinnlichkeit und Ruhe und Refugium für viele Tierarten sein.

 

 

In Deutschland gibt es ca. 13 Millionen Gärten, die eine Fläche von 6.000 km² einnehmen, was wiederum 2,4% der Gesamtfläche der Bundesrepublik entspricht. Das ist etwa genauso viel wie die Gesamtfläche aller Naturschutzgebiete in Deutschland. Allein daraus wird bereits deutlich, welches große Flächenpotential in unseren Gärten steckt. Sehr viele der wildlebenden Tier- und Pflanzenarten sind in unseren sehr stark übernutzten Landschaften inzwischen stark bedroht bzw. regional oft schon ausgestorben. Je nach Tier- bzw. Pflanzengruppe stehen 30-60% der Arten bereits auf den Roten Listen in Deutschland bzw. der einzelnen Bundesländer. Einige dieser bedrohten Arten nutzen unter anderem auch einen Teil unserer Gärten als letzte Refugien, wenn diese weitgehend naturnah gestaltet sind.

 

 

 

Das gilt insbesondere für eine Reihe von Insektenarten, wie z.B. Schwalbenschwanz, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, eine Vielzahl von Wildbienenarten, Nashornkäfer, Rosenkäfer und viele andere. Durch eine naturnahe Gestaltung und z.T. auch durch einfaches Belassen "wilder Ecken" und weniger "Ordnungsfimmel" in den Gärten, kann somit auch der Kleingärtner einen nicht unerheblichen Beitrag zum Schutz insbesondere der heimischen Insektenfauna und darüber hinaus natürlich auch weiterer Arten, wie z.B. Igel, Zauneidechse, Erdkröte u.a. leisten.

Die Gestaltungsart unserer Gärten beeinflusst unser Verhältnis zur Natur genauso, wie sich unsere Einstellung zur Natur in unseren Gärten widerspiegelt. Psychologen haben den in der Regel richtigen Satz aufgrund vielfältiger Erfahrungen geprägt:"Zeige mir Deinen Garten und ich sage Dir, wer Du bist". Leider hat die letzte Generation in Deutschland, wie auch in fast allen anderen Industrieländern, in den letzten Jahrzehnten noch nie soviel Natur bereinigt, begradigt, planiert, drainiert, zugeschüttet, versiegelt und verbaut mit Asphalt oder Beton - und das gilt leider auch für viele unserer Gärten!

 

 

In Deutschland werden bereits seit Jahrzehnten und weiterhin ungebremst täglich im Durchschnitt 110 bis 130 ha verbaut bzw. versiegelt. Gärten als grüne Oase werden deshalb gerade in unseren Ballungsräumen immer wichtiger als Refugien für eine Vielzahl stark zurückgedrängter Tier- und Pflanzenarten. Doch leider taugen sehr viele Gärten auch als solche Refugien nicht mehr. Denn sie sind verkommen zu kurzrasierten und leergefegten Plattformen der Pedanterie, oft mit teuren Koniferen als vermeintliche Naturkulisse. Die Sauberkeitshysterie für unsere Wohnungen und Häuser wird ganz oft auch auf unsere Gärten übertragen und so richten viele Mitmenschen ihre Gärten wie ihre Freilandwohnzimmer ein:

  • Der Rasen wird gepflegt wie ein Teppich, das letzte Gänseblümchen als Schmutzfleck ausgestochen.
  • Wie Wohnzimmerschränke stehen schmucke Koniferen gut verteilt und formschön geschnitten - ökologisch so wertvoll wie gepflanzte Fernsehantennen
  • Heimische Wildkräuter werden ständig mit der Giftspritze verfolgt und vernichtet.
  • Am Sonntag robbt der Gartenbesitzer mit der Rasenkantenschere hinter dem letzten Grashalm her.

 

 

 

 

 

 

Doch naturnah gestaltete Gärten können wahre Oasen der natürlichen Schönheit, Besinnlichkeit und Ruhe für uns sein, die wir heute oft von Hektik und Stress im Alltag überflutet werden. Außerdem machen Gärten, in denen der natürlichen Entwicklung wieder mehr Raum gegeben wird auch weniger Arbeit und tragen damit zusätzlich zur Entspannung bei. Und wir sollten uns stets bewusst sein, dass Gärten die wichtigsten "Lernorte" zum Verständnis von und über Natur sind, da wir dort in der Regel unsere meiste Freizeit verbringen. Das gilt ganz besonders für unsere Kinder, die hier ihre ersten intensiven Kontakte mit der Natur bekommen, wenn sie denn nicht ständig kurz geschoren oder glatt geharkt wird.

Insekten sind eine sehr artenreiche Tiergruppe, die in einer sehr großen Fülle und mit z.T. faszinierenden Arten auch in unseren Gärten vorkommen kann. Sie sind darüber hinaus sehr gut geeignet zum Beobachten und zum Staunen und damit zum Kennen lernen von Geheimnissen der Natur in unseren eigenen Garten. Was kann man nun als Kleingärtner tun, um besonders interessante und z.T. bereits auch gefährdete Insektenarten im Garten zu erhalten bzw. sogar zu fördern? Hierzu werden nachfolgend einige Grundregeln und Beispiele vorgestellt, die zu mehr Naturschutz und speziell Insektenschutz im Garten anregen sollen:

 

 Lebensraum Kompost

· Der Komposthaufen ist nicht nur das Herz jedes ökologisch gut bewirtschafteten Gartens - sondern auch Lebensraum für viele z.T. stark gefährdete Insektenarten. 
· Durch Beachtung einfacher Grundsätze kann der eigene Kompost Lebensraum für Nashornkäfer, Rosenkäfer, verschiedene Großlaufkäferarten und sogar Blindschleiche und Ringelnatter sein.
· Die Ansiedlung der genannten Tierarten hilft bei einem schnelleren Stoffumsatz und spart z.T. das mühevolle Umsetzten des Kompostes
· Mulchdecken schützen nicht nur den Boden vor Austrocknung und starkem Unkrautaufwuchs, sondern sind ein ganz wichtiges Schutzschild für am Boden lebende Insekten u.a. Bodenlebewesen
· Mulchdecken können durch Förderung der Bodenlebewesen die Fruchtbarkeit des Bodens um ein Vielfaches erhöhen und sehr viel Beregnungswasser sparen.

 

 

 

Mitesser tolerieren

· Besonders bei der Bodenbearbeitung zeigt sich, wer und wie viele noch mitfressen - viele Insektenarten überdauern als Larve oder Puppe im Boden.
· Unter diesen Arten sind sehr viele Raupen von Nachtfalterarten, die in der Vegetationsperiode an verschiedenen Gemüse- und auch Zierpflanzen fressen. In der Regel sind das nur wenige Tiere pro Art, denen man auch etwas Futter gönnen kann.
· Einige gefährdete Insektenarten haben inzwischen ihr Hauptvermehrungshabitat in Gärten, da ihre natürlichen Biotope stark beeinträchtigt oder vernichtet wurden. Dazu gehört der Schwalbenschwanz als einer der schönsten und größten heimischen Schmetterlinge, dessen Raupen vorzugsweise auf Dill oder Möhre in unseren Gärten leben.
· Auch der Große Kohlweißling ist in vielen Teilen Deutschlands bereits selten geworden. Deshalb sollten auch seine Raupen wenigstens in den Gärten akzeptiert werden und nicht als "üble Schädlinge" vernichtet werden.

 

 

Hecken schmecken

· Die "Koniferenmanie" hat viele Insektenarten und damit auch Vogelarten aus unseren Gärten vertrieben.
· An den nichtheimischen Nadelgehölzen leben nur sehr wenige bzw. keine heimischen Insektenarten - dadurch entsteht eine große Lücke in der Nahrungskette zu Vögeln und Säugetieren.
· Heimische Gehölze sind den fremdländischen Gehölzen um ein Vielfaches als Nahrungshabitat für Insekten überlegen. Spitzenreiter sind hierbei Schlehe, Weißdorn und Eiche, an denen mehr als 400 Insektenarten im Gegensatz zu Koniferen (< 10 Arten) leben.
· Hecken sind ökologisch umso wertvoller, umso mehr heimische Gehölzarten vorhanden sind und um so mehr Wuchsraum ihnen zugestanden wird.
· Jeder noch so kleine Garten sollte wenigstens eine "wilde Ecke" besitzen, in die sich viele Insekten und auch andere Tierarten zurückziehen können.

 

 

 

 

 

Nektar gesucht

· Fast alle fliegenden Insekten benötigen Nektar zum Überleben, der trotz Blütenfülle in vielen Gärten zur Mangelware geworden ist.
· Nicht wenige sehr beliebte Gartenblumen bzw. Gartensträucher sind ungeeignete bzw. wenig geeignete Nektarquellen für unsere heimischen Insekten (z.B. gefüllte Rosen, Pfingstrosen, Rhododendron u.a.).
· Bei manchen Zierpflanzen ist sogar die Nektarproduktion bei der züchterischen Auswahl verloren gegangen (z.B. Deutzien, Astern).
· Trotzdem verfügen wir über eine Fülle ausgezeichnet geeigneter Nektarpflanzen speziell für Schmetterlinge (z.B. Alant, Dost, Buddleja u.a.), Hummeln (Glockenblumen, Löwenmaul) u.a. Insekten, die gezielt für bestimmte Insektengruppen angepflanzt werden können.
· Ungenutzte Potentiale als Nektarquelle bietet meist die Rasenfläche, von der wenigstens ein Teil in eine bunte Blumenwiese umgewandelt werden sollte. Hierzu finden sich detaillierte Hinweise im Vortrag von Herrn Hildebrandt.
· Blumenwiesen für Insekten müssen aber auch gemäht werden, je nach Bodenart ein- bis zweimal pro Jahr, weil auf reiner Brache die Blütenpflanzen oft von Gräsern und hohen Stauden überwuchert werden.

 

 

Gartenteiche voller Leben

Gartenteiche sind besonders gut zur Beobachtung vieler verschiedenster Insektenarten geeignet, die hier leben können
Dabei ist zu unterscheiden zwischen:
1. Insekten, die ihren gesamten Lebenszyklus im Wasser vollziehen (z.B. Wasserkäfer, Wasserwanzen)
2. Insekten deren Larven an das Wasser gebunden sind, aber als Imago an Land leben (z.B. Libellen, Steinfliegen, Eintagsfliegen)
3. Insekten, die Wasserstellen zum Trinken bzw. zur Aufnahme von Mineralstoffen nutzen (z.B. Bienen, Hummeln. Schmetterlinge)
· An Gartenteichen können bis zu 30 verschiedene Libellenarten vorkommen, die den Garten auch gern als Jagdrevier nutzen
· Unbeachtet bleibt oft die große Bedeutung der Gartenteiche als Trinkstelle für viele Insekten, welche durch das gezielte Anlegen von Flachwasserbereichen mit kleinen Inseln deutlich erhöht werden kann.
· Einen Hauptkonflikt mit Wasserinsekten stellen Fische im Gartenteich dar. Hier muss man sich zwischen Goldfisch oder Libelle und Molch entscheiden, beides zusammen funktioniert auf kleinem Raum nicht!